125 Jahre Jakob Winter

Die Geschichte der Firma Jakob Winter GmbH

Von 1886 – 2011

Die Firma Jakob Winter GmbH gehört heute weltweit zu den renommiertesten Firmen für Musikinstrumentenetuis. Im Jahr 2011 begeht das in Nauheim bei Groß-Gerau (Rhein Main Gebiet) und Satzung (Erzgebirge) ansäs¬sige Familien¬unternehmen sein 125-jähriges Betriebsjubiläum. Angesichts dieser langen Tradition gehört das Unternehmen zu den ältesten Zulieferbetrieben der Musikinstrumen¬tenindustrie. Begonnen hat alles in der Musikstadt Schönbach am Fuße des Erzgebirges, dem heutigen Luby in Tschechien.

Die Anfänge der Firma Winter 1886 – 1945

Als 1886 Jakob Winter in der Ölberggasse 66 2 in Schönbach, einen Schreinereibetrieb eröffnete, befand sich ganz Europa im wirtschaftlichen Umbruch. Die von England ausgehende Industrialisierung hatte bereits den europäischen Konti¬nent erreicht und viele Fertigungsberei¬che durchdrungen. Im sog. Musikwinkel, dem Zentrum des Musikinstrumentenbaus. im Kern mit den Orten Markneukirchen, Erlbach, Klingenthal, Schöneck und bis zum zweiten Weltkrieg Schönbach und Graslitz auf böhmischer Seite, entwickelte sich eine arbeitsteilige und höchst effiziente Produktion von Musikinstrumenten, die die musikalische Breitenkultur Europas und der U.S.A. mit ihren günstigen, in großen Zahlen hergestellten Instrumenten prägte. Kleine Werkstätten in der ganzen Region lieferten Instrumente, vor allem aber Bauteile an die großen Handelshäuser, die sie in alle Welt verkauften. Allein in Schönbach wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert fast 150.000 Geigen pro Jahr hergestellt.

Aus der Schreinerei Jakob Winters, die anfänglich von Särgen über Gebrauchsmöbel alles Erdenkliche herstellte, entwickelte sich ein Zulieferbetrieb für die ansässige Musikinstrumentenindustrie. Der Bedarf an Verpackungen für die wertvollen Instrumente war so hoch, dass sich der Betrieb in kurzer Zeit zum größten Zulieferbetrieb für Musikinstrumente in der Region entwickelte.

In der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg florierte der Betrieb. Die Nachfrage nach guter Quali¬tät stieg und Jakob Winter verstand es, zusammen mit seinem Sohn Lorenz, diese neue Herausforderung zu meistern. So entstanden Etuis für Musikinstrumente, die den gestiegenen Ansprüchen Rechnung trugen.

Mit dem 1. Weltkrieges, 1914-18, stagnierte die weitere Entwicklung des Unternehmens.


Nach dem Krieg standen das Unternehmen sowie die Region einer vollkommen ver¬änderten Situation gegenüber. Österreich-Ungarn, zu dem Schönbach bis dahin gehört hatte, war zerfallen, die Tschecho¬slowakische Republik wurde gegründet. Die Nachfolgestaaten, einschließlich Russland, schirmten sich sofort gegenseitig mit hohen Zollmauern ab. Schönbachs Musikinstrumente und damit auch die Erzeugnisse Jakob Winters fanden keinen Absatz mehr. Lediglich die Nachfrage aus Deutschland (Markneukirchen), nach Schönbacher Erzeugnissen lief unge¬stört weiter. Auch die Wiederauffrischung der Vorkriegs¬verbindungen zu den westlichen Ländern war sehr erfolgreich, da deren Erzeugung von Saiteninstrumenten weiterhin unbedeutend war. Insbesondere England mit seinen Kolonien, vor allem aber die USA traten jetzt als wichtigste Käufer auf, so dass die Firma ihre Erzeugnisse bereits damals Weltweit vertreiben konnte.

In den Jahren 1919–1929 konnte das Unternehmen eine stetige Aufwärtsentwicklung verzeichnen. So expandierte das Unternehmen und übernahm die Firma Franz Eckert in Graslitz. Während man in Schönbach nur Etuis für Geigen herstellte, fertigte man am Standort in Graslitz Etuis für alle Musik¬in¬strumente an. In der Folgezeit wurde der gesamte Betrieb an den neuen Standort verlagert, wo man mit 60 Beschäftigten Etuis für die unterschiedlichsten Instrumente herstellte.

Vom 1929 an, begann sich die Weltwirtschaftsdepression auszuwirken und in den Jahren 1930 bis 1932 erlebte das Unternehmen eine schwere Zeit, von der es sich jedoch in den Folgejahren bis zum 2. Weltkrieg erholte.

Der Zweite Weltkrieg und Neuanfang in Nauheim

Der 2. Weltkrieg beendete sodann die rund zweihundertjährige Geschichte des böhmischen Geigenbaus und damit auch die Geschichte des Unternehmens in dieser Region. Nach dem 2.Weltkrieg mussten rund 12.000 Deutsche die Region verlassen und nahmen ihre Kunst und ihr Wissen mit. So war auch Lorenz Winter und seine Familie gezwungen eine neue Heimat zu finden. Der größte Teil der Deutschen siedelte sich in Bayern an. Ein anderer Teil kam in die Ostzone und nach Hessen.

Lorenz Winter mit seiner Frau Albine und deren 26 Jahre alten Sohn Albert, wurden mit vielen anderen Familien in Nauheim/Gross-Gerau (Rhein Main Gebiet) von dem damaligen Bürgermeister Heinrich Kaul IV aufgenommen. Dieser war auf die eine neue Existenz suchenden Musikinstrumentenmacher aufmerksam geworden, und erkannte hierin eine industrielle Chance für seine Gemeinde. Am 14.7.1946 richtete er daher einen Brief an den Regierungspräsidenten in Darmstadt mit der Bitte, die Instrumentenmacher Sandner, Winter, u.a. nach Nauheim einzuweisen. Die Genehmigung wurde erteilt und am 8.11.1946, traf Lorenz Winter und seine Familie auf einem kleiner Laster gemeinsam mit anderen Familien in Nauheim ein.

Bereits am 11.11.1946 gründete Lorenz Winter das Unternehmen neu. Auch andere Traditionsunternehmen aus dem Sudetenland, wie beispielsweise die Saxophon-Firma Julius Keilwerth oder der Holzblasinstrumenten-Bauer W. Schreiber aus Graslitz (heute: Kraslice) siedelten sich in Nauheim an und machten die Gemeinde zur überregional bedeutsamen „Musikgemeinde“.

Die erste Fertigung befand sich in einem alten Schulhaus. Da man zur Etui¬fertigung eine Schreinerei brauchte, nahm Lorenz Winter Kontakt zu der ortansässigen Schreinerei Schneider auf. Diese stellte bereitwillig ihre Werkstätte und Maschinen zur Verfügung, so dass die notwendigen Maschinen¬arbeiten dort durchgeführt konnten. Zu Anfang wurden Geigenkästen gefertigt, später kamen Trompetenetuis dazu. Nach kurzer Zeit wurden bereits 10 Mitarbeiter beschäf¬tigt.

1948 heiratete Albert Winter, Ilse Köstler. Auch ihre Familie, hatte deren ehemaliges Unternehmen für Mundharmonikas und Akkordeone, welches seit 1891 in Graslitz geführt wurde, in Nauheim wieder gegründet. Nach wenigen Jahren kamen die Söhne Joachim und Michael zur Welt. Dennoch kümmerte sich Ilse Winter stets tatkräftig um die kaufmännischen Belange der Firma. Lorenz Winter übergab die Firmenführung an seinen Sohn Albert und unterstützte diesen bis zu seinem Tod.

1950 zog der Betrieb in die neu errichtete Fertigungsstätte in der Graslitzer Straße 10, dem heutigen Hauptsitz der Gesellschaft. Hier entwickelte sich das Unternehmen allmählich zum größten Hersteller für Musikinstumenten Euis in Europa.


Ende der sechziger Jahre erkannte Albert Winter und sein Freund der Musikinstrumentenhersteller Hugo Schreiber, (Firma Wenzel Schreiber & Söhne), die USA als einen stark wachsenden Markt, der großes Potential für deren Unternehmen erwarten ließ.

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